SPD-Landtagskandidatin Annegret Lang im Gespräch mit der Erzählkünstlerin Sigrid Maute

„Geschichten Leben einhauchen geht nicht mit Maske und Abstand“

„Geschichten Leben einhauchen geht nicht mit Maske und Abstand“

Die Pandemie bedeutet, dass wir unser Leben mit Einschränkungen meistern müssen. Was dies für soloselbstständige Künstler*innen bedeutet, hat SPD-Landtagskandidatin Annegret Lang in einem Gespräch mit der Erzählkünstlerin Sigrid Maute erfahren.

„Seit fast 10 Monaten hat das Virus unser Leben im Griff. Besonders auf die schönen Dinge im Leben wie Gemeinschaft und Kultur müssen wir seither weitgehend verzichten“, sagte Annegret Lang einführend. „Das fällt mir schwer. Doch was bedeutet dieser Totalausfall für die Künstler*innen? Um das zu erfahren, habe ich Sigrid Maute, eine Erzählkünstlerin, zu mir auf meine winterliche Terrasse eingeladen.“

Die Pandemie treffe sie schwer, erzählte Sigrid Maute. Am Anfang der Pandemie sei sie völlig naiv gewesen. Am 11. März 2020 habe sie eine Fortbildung für Erzieherinnen gegeben und am 13. März sei sie zum Erzählen in einer Tübinger Schulklasse gewesen. „Als dann die ersten Absagen kamen, dachte ich noch, dass es nicht so schlimm werden würde. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Schulen geschlossen werden und auch so lange geschlossen bleiben“, sagte Maute. Doch mit dem Lockdown musste die Erzählkünstlerin ihre geplanten Veranstaltungen absagen und innerhalb der folgenden Wochen wurden alle Aufträge von Veranstaltern storniert.

„Da musste ich erstmal überlegen, wie es weitergehen kann“, so die 51-Jährige. Sie tauschte sich mit anderen Balinger Künstler*innen aus. „Gemeinsam haben wir die Balinger Wort-Werker gegründet, um unsere Kunst trotz allem noch leben zu können.“ Die Balinger Wort-Werker sind neben Sigrid Maute Silke Porath (Autorin), Fabian Hernando (Schauspieler) und Boris Retzlaff (Kleinkünstler). Sie haben auf ihrem YouTube-Kanal jeweils sechs Videos mit ihrer Kunst veröffentlicht. „Ich musste erstmal lernen, wie man so ein Video produziert und bearbeitet.“ Sie habe das gemacht, um mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Eingebracht haben ihr diese Videos nicht viel. „Aber es haben sich ein paar Sachen daraus ergeben“, so Maute.

Beispielsweise sei die Idee entstanden, die Eröffnung der neuen Märchenstation „Rapunzel“ auf dem Hechinger Märchenpfad nicht einfach ausfallen zu lassen, sondern ein Video zu produzieren, ebenso für die Brüder-Grimm-Ausstellung im Hohenzollerischen Landesmuseum. „Die Stadt Hechingen hat mich sehr unterstützt. Dafür bin ich unglaublich dankbar.“ Im Sommer und bis in den Herbst hinein habe sie einzelne Veranstaltungen durchführen können – alle draußen im Freien. Doch immer nur mit begrenzter Teilnehmerzahl und Abstand, was nicht sehr wirtschaftlich war.

Abstand, Maske, digitales Erzählen - das sei in ihrem Beruf nur schwer umsetzbar: „Erzählen heißt einer Geschichte Leben einhauchen – ohne Skript oder Buch mit allen Möglichkeiten der Stimme, Mimik und Gestik. Das geht nicht, wenn alle Maske tragen und auf den Abstand achten müssen. Meine Arbeit lebt von der Interaktion mit dem Publikum.“ Deswegen sei es für sie auch keine Option den digitalen Weg weiterzugehen. „Wenn das die Zukunft für Künstler*innen wie mich ist, hänge ich die Erzählkunst an den Nagel und gehe in meinen alten kaufmännischen Beruf zurück.“

Für dieses Jahr seien die Aussichten nicht besonders rosig. „Erzählaufträge bleiben aus und es war und ist schwierig, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Auf Grund der unterschiedlichen Auslegungen der Corona-Verordnungen in den Städten. So macht jeder, wie er denkt und es entsteht ein Flickenteppich.“ Derzeit könne noch keiner sagen, wie lange es dauert, bis Lockerungen möglich werden und es werde auch dieses Jahr keine „Erzählkunst in Balingen“ zum Weltgeschichtentag geben. „Vielleicht ist die Balinger Märchenwanderung im Mai wieder möglich“, sagte Maute. Sie hoffe auf eine steigende Impfbereitschaft der Bevölkerung. Auch deswegen habe sie sich dazu entschieden, im Kreisimpfzentrum mitzuarbeiten.

Zudem sei die Kultur schon immer auf Zuschüsse aus öffentlicher Hand angewiesen gewesen. „Wie das aber von den Kommunen und Ländern finanziert werden kann, wenn die Kassen wegen Corona klamm sind und die Straßen trotzdem saniert werden müssen, werden wir sehen“, zeigte sich Sigrid Maute besorgt.

Beim Thema Soforthilfen konnte sich die Mutter einer Tochter nur ein müdes Lächeln abringen: „Im ersten Lockdown habe ich eine kleine Summe beantragt und hatte dann plötzlich 9000€ auf dem Konto. Ich konnte aber nicht rausfinden, an wen ich mich wenden muss, um das zu korrigieren. Ich habe das Geld nicht angerührt. Nach ein paar Wochen kam dann der Bescheid, dass ich den Großteil zurückzahlen muss. Das ist alles unglaublich kompliziert und aufwendig. In der zweiten Runde der Soforthilfen fiel ich durchs Raster. Für die November- und Dezemberhilfen habe ich meinen Steuerberater beauftragt und hoffe, dass ich nicht wieder durchfalle.“ Mittlerweile habe sie alle Reserven aufgebraucht. „Wäre ich nicht verheiratet, müsste ich Hartz IV beantragen. Als die Leute angefangen haben, Mehl und Klopapier zu hamstern, habe ich in der Stingel Mühle auf 450€-Basis als Aushilfe angefangen. So kann ich wenigstens meine Sozialversicherungsbeiträge weiter einbezahlen.“

Zum Abschluss des Gesprächs fragte Annegret Lang: „Du kennst dich ja mit Märchen aus: Was würdest du dir wünschen, wenn du drei Wünsche frei hättest?“

„Als erstes würde ich mir eine zentrale Corona-Beratungsstelle wünschen, die Menschen wie mir bei Alltagsfragen konkret helfen kann. Egal, ob es um die Durchführung einer Märchenwanderung, Fragen zur Steuererklärung, um die aktuelle Corona-Verordnung oder um die Soforthilfen geht. Zweitens: Wieder ein bisschen mehr Normalität, auch wenn es nur eine angepasste ist. Und drittens ein eigenes Amt für Kultur in Balingen, dass sich um die Kleinkunst und alle kulturellen Belange in dieser großen Kreisstadt kümmert. Wie in anderen Kommunen im Zollernalbkreis.“

„Die Corona-Pandemie ist nicht nur eine Zusammenstellung von Infektionszahlen und Inzidenzwerten. Die Krise trifft die Menschen ganz konkret, verursacht Probleme. Doch wie Sigrid Maute uns zeigt, bietet sie auch Chancen. Wir sind kreativ und können neue Wege finden, um miteinander in Kontakt zu bleiben,“ sagte Annegret Lang und bedankte sich bei Sigrid Maute für das interessante Gespräch.

Infos zu Sigrid Maute

Sigrid Maute hat 2006/2007 eine Ausbildung zur Märchenerzählerin am Märchenzentrum DornRosen e.V. in Nürnberg gemacht. 2009 wagte Maute den Sprung in die Selbstständigkeit und ist seitdem freiberufliche Erzählerin. Stück für Stück erweiterte sie ihr Repertoire: 2014 absolvierte sie eine Ausbildung zur Streuobst- und Naturschutzpädagogin beim Landratsamt Balingen. 2018 kamen eine Ausbildung im Bereich Sprechtechnik an der Sprecher-Akademie Stuttgart und ein Ausbildungskurs zur Hörbuch-/Synchron-Sprecherin an der Sprecher-Akademie München hinzu. Maute ist zudem Mitglied im Verband der Erzählerinnen und Erzähler e.V.

Die Erzählkünstlerin bietet Märchenwanderungen für Kinder und Erwachsene an. Sie erzählt auf Kulturveranstaltungen und Kleinkunstbühnen, hält Vorträge und Workshops für Erzieher*innen, Tagesmütter und -väter und an Elternabenden. Zudem bietet Maute Burgführungen mit Märchen und Sagen rund um die Burg Wildenstein im Donautal an.